7 Feb 2016

Was macht einen attraktiven Arbeitgeber aus?

Barfuß und im sommerlichen Outfit steht Angela König auf dem frisch gemähten Rasen vor ihrem Einfamilienhaus im Bielefelder Osten. Auf der Terrasse ein paar bequeme Loungemöbel, ein Kohlegrill und eine Karaffe mit Wasser. Schon jetzt, um nicht einmal elf Uhr, zeigt das Thermometer fast 30 Grad an. Eigentlich ist es ein perfekter Tag zum Nichtstun. Zum Sommer genießen. Zum Urlaub machen. Und an diesen Vormittag macht die 32-jährige auch nichts anderes als das – nämlich Urlaub. Vom stressigen Job in der Werbeagentur und vom Muttersein mit allem, was dazugehört.

Angela König wirkt entspannt. Man merkt, dass sie die Ruhe des Vormittags genießt. Denn in wenigen Stunden schon wird der Tag wieder turbulenter werden. Dann fährt sie ins drei Kilometer entfernte Ubbedissen und holt ihren Sohn Emil ab. Seit vier Tagen geht der fast drei Jahre alte Sprössling jetzt in den Kindergarten. Die ersten Tage ist Angela König noch mitgegangen, zur Eingewöhnungszeit. Deshalb hat sie sich extra eine Woche Urlaub genommen. Heute ist er das erste Mal ohne sie da. Schweiß auf die Stirn treibt das der Bielefelderin aber nicht. „Wir haben Emil schon früh an andere Umgebungen und Menschen gewöhnt. Unsere Eltern und meine Schwester unterstützen uns bei der Betreuung schon von Anfang an.“ Wie wichtig diese familiäre Hilfe sein kann, um Beruf und Familie zu vereinbaren, dafür ist der Alltag von Angela König und ihrem Mann Christian ein Paradebeispiel.

Als sie im Oktober 2012 ihren Sohn erwarteten, war die Rollenverteilung schnell ausgehandelt: Nach zwei Monaten Elternzeit ging Vater Christian wieder Vollzeit seinem Job als IT-Systemadministrator nach, Angela König übernahm für ein Jahr die Rund-um-Betreuung. Dass sie im Grunde dem klassischen Familienmodell folgen, bei dem der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit arbeitet, stört die Innenarchitektin dabei wenig. „Ich habe vorher auch Vollzeit gearbeitet und mich trotzdem riesig auf das Jahr zu Hause gefreut. Und da mein Mann das höhere Einkommen hat, war es natürlich auch eine wirtschaftlich sinnvolle Entscheidung. Wäre es andersherum gewesen, hätte er unseren Sohn in der Elternzeit länger betreut.“ Trotzdem war die Umstellung von Vollzeit-Job auf Vollzeit-Mutter für Angela König anfangs groß. „Alles ist erstmal neu und du bist wahnsinnig beschäftigt. Es war eine unheimlich schöne und intensive Zeit, aber gerade in den letzten Monaten war ich auch froh, bald wieder losgehen zu können und zu arbeiten.“

 

Der Wiedereinstieg ins Berufsleben war allerdings alles andere als leicht. Dass lag weniger am neuen Arbeitgeber, der MEDIUM Werbeagentur aus Bielefeld, sondern an grundsätzlichen Versäumnissen des Staates bei der Kinderbetreuung. Wie viele Eltern in Deutschland bemühten sich auch Angela König und ihr Mann vergeblich um einen Kitaplatz. Die Alternative: eine private pädagogische Einrichtung in Babenhausen, fast 17 Kilometer von ihrem zu Hause entfernt. „Ich bin morgens um halb acht losgefahren, habe Emil zur Betreuung gebracht, um dann gegen viertel vor neun bei MEDIUM zu sein.“ Vier Stunden arbeitete die Innenarchitektin und Mediengestalterin im ersten Jahr. Dass für sie nur ein Teilzeitmodell mit flexiblen Arbeitszeiten in Frage kam, war von vorneherein klar. „Da ist mir die Agentur sehr entgegenkommen. Ein punktgenauer Arbeitsbeginn und Feierabend sind in unserer Branche ohnehin eher unüblich. Wenn ich morgens z.B. noch einen Termin beim Kinderarzt hatte, war das kein Problem, später zu kommen.“

Trotzdem wären sie und ihr Mann gerade in der Anfangszeit ohne die elterliche Unterstützung aufgeschmissen gewesen. Ein Jahr lang holten ihre Eltern den Kleinen mittags ab und betreuten ihn solange, bis die Tochter ihn nach der Arbeit wieder abholte. Mittlerweile arbeitet Angela König 30 Stunden in der Woche. Jetzt, wo ihr Sohn im Kindergarten ist, muss sie die Agentur spätestens um halb zwei verlassen, um ihn pünktlich eine Dreiviertelstunde später abzuholen. Die Kollegen wissen das – und stellen sich darauf ein. Termine werden vormittags eingestellt, Projekt-Planungen frühzeitig besprochen. Und wenn doch mal ein wichtiger Kundentermin auf den Nachmittag fällt – na klar, dann springen die Eltern ein. „Insgesamt ist unser Alltag extrem durchgetaktet. Aber nicht alles ist planbar. Was ist, wenn der Kleine krank wird, man selbst zum Arzt muss, der Kindergarten wegen irgendeiner Sache anruft oder sonst was passiert, was das Leben so mit sich bringt? Dann wird’s kompliziert.“ Manchmal habe sie dann das Gefühl, weder ihrem Sohn, ihrem Arbeitgeber noch sich selbst gerecht zu werden. „Es gibt natürlich auch sehr stressige Tage auf der Arbeit, dann hetzt man zum Auto, holt den Kleinen ab und reagiert angespannt. Ganz ehrlich: Dann bin ich froh, wenn mein Mann abends übernimmt.“

Wie hunderttausend andere junge Eltern in Deutschland kennen Angela König und ihr Mann diese Situationen genau. Jeden Tag müssen sie den Spagat zwischen „Erfolg im Beruf“ und „Zeit für die Familie“ neu bewältigen und austarieren. Welches Modell der Vereinbarkeit für welchen Lebensentwurf dabei das Passende ist? Gute Frage. Angela König und ihr Mann haben für sich die optimale Aufteilung gefunden. In der Regel funktioniert sie reibungslos. Manchmal bringt sie die Doppelbelastung aber auch an ihre Grenzen. Was am Ende zählt: „Wir sind seit fast drei Jahren eine glückliche Familie“, sagt Angela König und lehnt sich zurück, um noch für ein paar Stunden die die Ruhe und den sonnigen Tag zu genießen.